Dienstag, 29. Oktober 2019
Abwärts, dem Gipfel zu

Es war unser zweiter Hochzeitstag nach dem Umzug nach Italien und wir hatten einen Ausflug in den Pollino gemacht. Pollino ist eigentlich das italienische Wort für "Hühnchen", meint aber hier einen Gebirgszug in Kalabrien. Im Pollino sind die Ortsschilder zweisprachig, italienisch und albanisch, in den Höhenlagen erinnert die Landschaft an Norwegen. Eine ausgesprochen interessante Gegend Italiens, die man in Deutschland so gut wie nicht kennt.
Im Pollino gibt es einen Fluß namens Abatemarco. Von der Mündung weg verläuft er erstmal in der Ebene, dann ist der Punkt erreicht, wo er aus dem Gebirge kommt. Wir folgen ihm von Verbicaro aus hin zur Quelle. Das Tal wird rasch enger, er kommt jetzt wirklich aus dem Gebirge. Die Straße führt neben dem Bach dahin. Irritierenderweise fällt die Straße, während man neben ihr auf die Quelle eines Baches zufährt. Gut, das mag ja vorkommen, die Straße verläuft ein Stück über dem Niveau des Baches und jetzt nähern sich Straße und Bach. Gut.
Das hört aber nicht auf, du fährst immer weiter in das Gebirge hinein, den rauschenden Bach unter dir und die Straße, auf welcher du fährst, fällt leicht. Sie fällt an manchen Stellen sogar ganz deutlich und klar. Außerdem merkst du, daß der Motor des Wagens auf dieser Gefällestrecke, die es an dieser Stelle gar nicht geben kann, zu arbeiten hat, gar nicht so entspannt läuft, wie man das bei Gefällen erwarten dürfte.
Jetzt will ich es wissen. Ich kuppele den Gang aus und lasse den Wagen laufen. Er wird langsamer, bleibt bald ganz stehen und läuft dann rückwärts - den Berg hinauf. Wir sprechen drüber, sind fassungslos, bestätigen uns gegenseitig den unwiderleglichen Eindruck, daß die Straße fällt. Ein Stück weiter wiederhole ich das Experiment, mit dem gleichen Ergebnis. Wir steigen aus, schauen uns die Strecke vor uns an und der Eindruck ist zwingend: Es geht abwärts, ganz klar. Auch der Bach, der wenige Meter unter uns rauscht, rauscht ganz offensichtlich entgegen jeglichen Naturgesetzen nach oben.
Der Eindruck war nicht aufzulösen.
Auf dem Rückweg (die Straße endete irgendwo an einem verlassenen Werksgelände) waren wir doch sehr gespannt, wie sich die Sachlage jetzt darstellen würde.
Gottlob! Von dieser Seite aus gesehen war es klar, daß die Straße in dieser Richtung abwärts führte, so wie es sich gehört.
Leider Gottes hatten wir keinen Wahrnehmungspsychologen dabei, der uns die Sache vielleicht hätte erklären können. Ich selber bin nur Verkehrspsychologe. Das kommt davon, wenn man nichts Gescheites nicht lernt.

Ich mein, daß der Italiener spinnt, hab ich immer schon gewußt. Aber daß italienische Gewässer genau so verrückt sind... Wer hätte das gedacht?

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