Donnerstag, 24. Oktober 2019
Von den Gefahren des Lachens
Wer erinnert sich noch an Umberto Ecos im Mittelalter spielenden Kriminalroman "Der Name der Rose"? (Gott, wie lange ist das inzwischen her, seit ich das gelesen habe?) Es geht darin um das letzte, noch erhaltene Exemplar von Aristoteles' "Zweitem Buch der Poetik", das sich mit der Komödie und dem Lachen beschäftigt. Einer der Mönche hält dieses Buch für so gefährlich, daß er es vor den anderen Mönchen und damit letztlich vor der Nachwelt versteckt. Gefährlich ist ihm das Buch unter anderem deshalb, weil darin (angeblich, das Buch ist, wie gesagt, nicht mehr erhalten) von der subversiven Macht des Lachens und des Witzes gesprochen wird. Das Buch verbrennt und mit ihm die Bibliothek und das ganze Kloster.

Nichts fürchtet der Mächtige so sehr wie ausgelacht zu werden, wenn er voll Würde einherschreitet oder herumsteht.

Das Bild ist von 1961, Universität Marburg. Kabarett pur. Der Rektor sieht aus wie der Bruder von Joseph Beuys, ohne es zu sein, die beiden hinteren Figuren erinnern mich an Rosenkranz und Güldenstern, die mal wieder gar nichts kapieren. Ja, so war das früher. Und heute...

Dieses Bild ist aus dem Jahre 2009, Bonn. Und nein, das sind keine rheinischen Karnevalsjecken.

Stell dir vor, ein Bundespräsident wie der damalige Gauck sülzte seine üblichen Platitüden ab, und ein Teil des Publikums pfiffe und buhte ihn aus, würfe gar mit Eiern nach ihm. Was würde passieren? Großes Staatstheater würde sein, Gauck würde sich köstlich empören. Nun aber - Kopfkino - stell dir vor, ein Teil des Publikums, wäre groß genug, sich Gehör zu verschaffen und lachte ihn an den entsprechenden Passagen aus, bliebe ansonsten aber durchaus im Rahmen höflicher Konvention...

In seiner Dankesrede bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1997 sagte Dario Fo: "Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen, das Lächeln und den Spott. Sie sind Anzeichen für kritischen Sinn, Phantasie, Intelligenz und das Gegenteil von Fanatismus. Ich bin nicht mit der Idee zum Theater gegangen, Hamlet zu spielen, sondern mit der Absicht, ein Clown zu sein, ein Hanswurst."

Fos Ehefrau, die großartige Franca Rame, sagt zum gleichen Thema:

"Wir glauben, daß Klagen falsch ist. Du weinst, gehst traurig nach Hause, sagst: ‚wie schön hab ich geweint‘, und schläfst erleichtert ein. Nein, wir wollen Euch zum Lachen bringen... . Es öffnet sich nicht nur der Mund beim Lachen, sondern das Gehirn. Und ins Gehirn können Nägel der Vernunft eintreten. Ich hoffe, daß heute abend einige Leute mit Nägeln im Kopf heimgehen..."

Meine Schwester wurde mal im Unterricht von einem Lehrer zurechtgewiesen. Sie hat ihn angelächelt, nichts sonst, sie hat ihn stumm ausgelacht. Der Lehrer war irritiert, er verschärfte seine Rüge, meine Schwester lächelte immer noch. Das zog sich so eine Weile hin, der Lehrer wurde immer wütender, ganz offen wütend. Schließlich hat er im Unterricht weitergemacht, kochend vor Zorn. Was hätte er auch machen sollen? Ihr einen Verweis geben, weil sie gelächelt hatte?

Die Hohe Schule ist natürlich, wenn man Andere einen Höhergestellten auslachen läßt.

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Zu den Anzeichen vom Lachen, Lächeln und dem Spott würde ich den emotionalen Abstand vom behandelnden Thema hinzu nehmen - vielleicht stecken der von Ihnen angeführte kritische Sinn und die Phantasie auch in diesem Abstand.
Fanatismus ist das Gegenteil, das würde ich auch so sehen. Fanatismus ist eine absolute Verinnerlichung des Themas und damit das Gegenteil von emotionalen Abstand.
Humor ist übrigens ein wichtiger Resilienzfaktor.

Ich glaube in dem Moment, in dem man eine höhergestellte Person anlächelt, schafft man einen Bruch im Wechselspiel der Interaktion. Man nimmt sich selber aus der Interaktion heraus und verunmöglicht die eigentlich erwartete nächste Reaktion des Gegenüber.

In meiner Arbeit mit Menschen habe ich mir ein solches Verhalten in Spannungssituationen mit der Zeit antrainiert. Ob ich einen Scherz mache, an zu Singen fange oder schlicht meine Kaffeetasse abwaschen gehe. - Ich ziehe mich durch mein Verhalten aus der Interaktion heraus. Gerade in angespannten Situationen braucht es dafür inneren Abstand und Selbstkontrolle, um nicht impulsgesteuert zu reagieren. Das ist anfangs schwer, „mit wachsendem Training“ wird es einfacher. 😄

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